Würdigung SIAF Award 2012

Würdigung der preisgekrönten Arbeit durch Prof. Dr. Georg Kohler,
Vorsitzender der Jury

Die Jury des SIAF Award hat entschieden, den Preis des Jahres 2012 an die Dissertation von Frau Tina Margarete Freyburg
Transnational Influences and Democratic Socialization in Authoritarian Contexts
zu vergeben.
Der Stiftungszweck des SIAF Award verlangt, dass wissenschaftlich herausragende Arbeiten ausgezeichnet werden, die zentrale Themen für das Verständnis unserer globalen Zivilisation behandeln. Im Fall der Arbeit von Frau Freyburg wird dieser Anspruch in jeder Hinsicht erfüllt.

    • Unter dem Aspekt ihrer methodischen, auf überprüfbare Ergebnisse ausgerichteten Leistung: Frau Freyburgs Untersuchung genügt auf überzeugende Weise allen Standards empirisch-sozialwissenschaftlicher Forschung.
    • Im Hinblick auf die Relevanz des Inhaltes: Die Arbeit behandelt das Thema, ob es möglich ist, Sinn und Geist demokratischer Haltungen und Werte auch in denjenigen Kontexten administrativer Macht von Staaten attraktiv und plausibel zu machen, die aus vielerlei Gründen dafür gerade nicht empfänglich scheinen.

 

Wie schaffen wir es, die Staatenwelt dieser Erde mit den Normen demokratischer Selbstregierung nicht bloss zu konfrontieren, sondern diese Normen zugleich im Denken jener Funktionseliten zu verankern, die ihr Land auf der Alltagsebene, also im bürokratischen Prozess, führen?
Das ist die allgemeine Frage, die Frau Freyburgs Untersuchung leitet. Es ist offensichtlich, dass deren Beantwortung von grosser Bedeutung in einer globalen Situation ist, in der es wesentlich darum gehen muss, die Bereitschaft für demokratische Werte und deren tendenziell friedensstiftende Effekte zu verbreiten.
Wegweisend ist die ausgezeichnete Dissertation nicht zuletzt deshalb, weil sie ihr Problem auf dem Niveau präziser, am Detail interessierter Forschung bearbeitet:
Sie weist am konkreten Beispiel Marokkos nach, dass gerade die unideologische,funktionale, pragmatisch auf ganz bestimmte Lösungsaufgaben bezogene Kooperation zwischen transnationalen EU-Experten und den Civil Servants des Staates Marokko erhebliche Demokratisierungseffekte – wie zu zeigen: eben auch in autoritär geführten Gesellschaften – besitzt. Mit den Worten von Frau Freyburg: „Funktionale Kooperation scheint nicht nur Elemente demokratischen Regierens in die Gesetzesbücher einzuführen, sondern auch die [personale] Einstellung zu diesen Elementen positiv zu beeinflussen.“ So darf die Untersuchung zum Schluss kommen, „dass das Wissen über die Einstellung zu angemessenem Regieren von staatlichen Beamten (die jeweils Herrschaft im Alltag ausüben) und Wissen darüber, wie diese Einstellungen durch transnationale Einflüsse beeinflusst werden, wichtig ist, um externe Wirkungen auf autoritäre Regime zu bestimmen.“
Das ist ein Resultat, das sowohl die Hoffnung auf die Möglichkeit demokratischen Fortschritts begründet, wie es zugleich dazu ermutigt, genau solche konkret-pragmatische Weisen der Zusammenarbeit zu unterstützen bzw. zu intensivieren, wie sie Frau Freyburg beschreibt. Und schliesslich ist festzustellen, dass diese Dinge mit expliziten Tätigkeiten der EU zusammenhängen; was uns Schweizer daran erinnern mag, dass man die Europäische Union immer noch als eine Akteurin zugunsten des Projekts demokratischer Evolution begreifen darf.

Für die Jury des SIAF Award, der Präsident
Georg Kohler

18.11.2012