Würdigung SIAF Award 2009

Abschrift der Würdigung gehalten von Prof. Dr. Georg Kohler an der Universität Zürich, 7. Oktober 2009

Meine Damen und Herren

Das Reglement des SIAF-Award nennt in Artikel 4 das folgende Kriterium für die Preiswürdigkeit einer Arbeit: «Die Arbeit soll Themen behandeln, die für das Verständnis der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Beziehungen in einer globalen Welt relevant sind. Ferner soll sie sich auszeichnen durch wissenschaftliche Fundiertheit, einen originellen und eigenständigen Denkweg und durch innovative Fragestellungen.»

Meine drei Kollegen– Herr von Krogh aus der ETH, sowie Herr Roeck und Herr Gilardi von der Universität – hatten unter diesen Gesichtspunkten Arbeiten aus den Gebieten der Sozial- und Politikwissenschaft, aber auch aus den Gebieten der Kulturwissenschaft und der Ethnologie zu beurteilen.
Alle diese Arbeiten waren gut, oft sogar sehr gut, mehr als eine hervorragend.

Entsprechend schwierig war es, unsere Aufgabe zu lösen. Und natürlich könnte es sein, dass eine andere Jury vielleicht etwas anders entschieden hätte. Wir vier waren uns aber einig, dass die Dissertation von Nils Benedikt Weidmann, derzeit Postdoc Fellow in Princeton, dass diese Dissertation, geschrieben und eingereicht am Center for Comparative and International Studies an der ETH Zürich den ersten SIAF-Award verdient. Sie trägt den – vielleicht rätselhaften– Titel «Critical Configurations: Settelment Patterns and Ethnic Violence».

Mag sein, dass dieser Titel etwas mysteriös klingt, die Arbeit ist aber ganz und nicht esoterisch. Sie ist der überhaupt nicht esoterischen Frage gewidmet, ob und inwiefern die Verteilung ethnischer Gruppen und bestimmte Siedlungsmuster – wir kennen das ja aus Ex-Jugoslawien – zum Auftreten ethnischer Gewalt beitragen.

Dass eine solche Untersuchung über die Dynamik in Bürgerkriegen und über deren Prozesslogik von höchster Aktualität ist, versteht sich heute – leider – von selbst.

Besonders preiswürdig erscheint uns die Untersuchung aber nicht allein aufgrund ihrer empirisch gründlichen Analyse, deren Methodik und ihrer Ergebnisse.
Die Arbeit riskiert nämlich am Ende auch Überlegungen in normativer Perspektive, und sie lässt sich mit guten Gründen als Argumentation gegen jede Form ethnischer Entmischungspolitik lesen: Gruppengeographie, die Konzentration von Gemeinschaften «ethnisch reiner Art», verringern nicht räumlich die Konfliktrisiken, sondern scheinen sie beträchtlich zu erhöhen.

Das ist ein Resultat empirischer Forschung, aber zugleich ein Beitrag zur praktischen Theorie des Friedens. Mit anderen Worten: Wissenschaft, die beides zu verbinden versteht – die Standards akademischer Arbeit und den Nutzen für die Menschen.

Ich darf nun den Preisträger, Herrn Weidmann bitten, den Preis in Empfang zu nehmen.